Patrick Gebhardt

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9. April 2026, erzählt von Patrick

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Schwarz-Rot hat Habecks 65-Prozent-Regel: Ab 2029 müssen neue Gasheizungen schrittweise mehr Biomethan beimischen. Klingt moderat – wird aber teuer.

Die schwarz-rote Koalition hat das Heizungsgesetz von Robert Habeck auf dem Papier zu Grabe getragen – genauer: Am 24. Februar 2026 legten CDU/CSU und SPD ein Eckpunktepapier vor, das die Abschaffung der 65-Prozent-Regel vorsieht. Das finale Gesetz – offiziell „Gebäudemodernisierungsgesetz“ (GMG) – sollte eigentlich bis Ostern als Kabinettsentwurf stehen und noch vor dem 1. Juli 2026 in Kraft treten. Doch daraus wurde nichts. Stand Anfang April ist das Gesetz weder im Kabinett beschlossen noch im Bundestag eingebracht. Der Teufel steckt wie so oft im Detail. Und das relevanteste Detail ist die sogenannte „Bio-Treppe“.

Moment, was war noch gleich die 65-Prozent-Regel?

Auf den Punkt gebracht: Habecks Heizungsgesetz von 2024 schrieb vor, dass jede neu eingebaute Heizung mindestens 65 Prozent ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen muss – allerdings wäre diese Pflicht erst ab Sommer 2026 und auch nur in Kommunen mit einer bereits abgeschlossenen Wärmeplanung gegriffen haben; alle anderen Kommunen hätten noch mehr Zeit gehabt. In der Praxis bedeutete das für viele Haushalte: Wärmepumpe oder nichts. Die Regel sorgte für politischen Aufruhr, Verunsicherung bei Millionen Eigentümern und war letztlich ein wesentlicher Faktor beim Scheitern der Ampel-Koalition. Die neue schwarz-rote Regierung hat sie nun durch ein anderes Instrument ersetzt – die sogenannte Bio-Treppe. 1 2

Bio-Treppe klingt so Bio, nice!

Ok, nicht wirklich. Aber gehen wir schrittweise vor: Seit dem 24. Februar 2026 liegt das Eckpunktepapier zum neuen Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) vor – Hauptsache neuer Name, schon ganz nah dran am GEG. Wer eine neue Gas- oder Ölheizung einbaut, soll ab dem 1. Januar 2029 verpflichtet sein, einen wachsenden Anteil CO₂-neutraler Brennstoffe zu nutzen. Los geht es mit mindestens 10 Prozent Biomethan oder synthetischen Kraftstoffen – und diese Quote steigt bis 2040 schrittweise an. 2 3 4

Das ist die Treppe. Klingt alles irgendwie moderat. Ist es kurzfristig auch. Aber langfristig wird’s eben teuer.

Der Kanzler der Herzen hat’s versprochen

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Die Rechnung, die niemand zeigt

Wer heute eine 100-Quadratmeter-Wohnung mit Gas heizt, zahlt für rund 45.000 kWh Jahresverbrauch etwa 4.050 bis 4.700 Euro im Jahr – je nach CO₂-Preis. Ab 2029 kommen die ersten Mehrkosten: Biomethan kostet derzeit rund 13 Cent pro Kilowattstunde, konventionelles Erdgas etwa 9 Cent. Bei 10 Prozent Bio-Anteil sind das zunächst überschaubare rund 130 Euro Mehrkosten pro Jahr – verteilt auf Mieter einer größeren Immobilie sogar nur 2–3 Euro im Monat. 1

Das ist noch harmlos. Doch die Bio-Quote steigt – und mit ihr die Kosten. Biomethan ist knapp, teuer und keine echte Massenoption. Gleichzeitig klettert der CO₂-Preis weiter: Ab 2027 werden voraussichtlich 65 Euro pro Tonne fällig, danach greift der europäische Emissionshandel mit marktbasierter Preisbildung. Und auch die Netzentgelte für Gasnetze, die immer weniger genutzt werden, müssen auf immer weniger Schultern verteilt werden – ein Effekt, der aktuell noch kaum auffällt, aber erheblich unterschätzt wird: Mit dem GMG werden voraussichtlich noch mehr Haushalte auf Wärmepumpen umsteigen, und jeder weitere Abgang verteilt die Fixkosten des Gasnetzes auf noch weniger Verbleibende. Laut einer Fraunhofer-Studie könnten die Netzgebühren für einen typischen Drei-Personen-Haushalt bis 2045 auf bis zu 4.000 Euro pro Jahr steigen – das wäre eine Verzehnfachung. Vereinfacht gesagt: Wenn eine Stadt heute ihre Gasnetzkosten auf 1.000 Haushalte aufteilt und 500 davon auf Wärmepumpen umsteigen, zahlen die übrigen am Ende doppelt so viel – und so weiter, in einer Spirale. 3 5 1

Die drei Kostenhebel wirken also gleichzeitig:

  • Bio-Quote steigt,
  • CO₂-Preis steigt,
  • Netzentgelte steigen.

Was heute 2,70 Euro im Monat bedeutet, kann in zehn Jahren ganz dolle Aua machen – und das Klima rettet es trotzdem nicht. Der unabhängige Expertenrat für Klimafragen hat der Bundesregierung schwarz auf weiß attestiert, dass das Klimaschutzprogramm 2026 nicht mal die eigenen gesetzlichen Vorgaben erfüllt. Kurz gesagt: Die Bio-Treppe ist politisch bequem, klimatisch aber kaum mehr als ein Trostpflaster.

Wer trägt das Risiko – Mieter oder Vermieter?

Mieter:innen haben keine Wahl. Das gilt grundsätzlich für alle, die weiter mit Gas heizen: Entscheiden sich Eigentümer oder Vermieter für eine neue Gasheizung, zahlen die Bewohner bzw. die Eigentümer selbst die steigenden Betriebskosten – ohne dass die Mieter:innen selbst eingreifen könnten. Das Eckpunktepapier kündigt zwar an, Mieter:innen „vor überhöhten Nebenkosten schützen zu wollen“ – konkrete Regelungen fehlen aber noch. 3

Für Vermieter hat die Bio-Treppe eine hübsche Sonnenseite: Der Bioanteil senkt die CO₂-Kosten, von denen sie gemäß CO₂KostAufG einen Teil selbst tragen müssen. Zur Erklärung: Das CO₂KostAufG (CO₂-Kostenaufteilungsgesetz) verpflichtet Vermieter, je nach Energieeffizienz des Gebäudes zwischen 0 und 90 Prozent der CO₂-Kosten selbst zu übernehmen – bei schlechter gedämmten Gebäuden trägt der Vermieter also den Löwenanteil. Weil Biomethan als CO₂-neutral gilt, reduziert ein höherer Bioanteil diese Kostenlast. Bei 10 Prozent Bio-Anteil spart der Vermieter rund 25 Euro pro Jahr an CO₂-Kosten – kein Vermögen, aber ein gewisses Plus. 1

Eine Entscheidung mit 15-Jahres-Horizont

Energieberater sind deutlich: Wer jetzt eine neue Gasheizung einbaut, könnte das in den 2030er-Jahren bereuen. Wärmepumpen sind bereits heute im Betrieb günstiger – Patrick hat in mehreren Videos gezeigt, wie er sein Haus energetisch modernisiert und unter anderem mit einer Wärmepumpe ausgestattet hat; seine Praxisberichte geben einen konkreten Einblick in reale Betriebskosten. 2025 wurden erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft. Die Bundesförderung (BEG) läuft mindestens bis 2029: Wer also wechseln will, hat noch Zeit – sollte aber nicht zu lange warten. 3

Die Bio-Treppe mag im Jahr 2029 harmlos beginnen. Aber sie führt in eine Richtung, die hauptsächlich für Mieter in schlecht gedämmten Altbauten teuer werden kann. Die Reform klingt nach Freiheit – ist aber in vielen Fällen eine aufgeschobene Rechnung.

Wir haken nach – direkt bei unseren Abgeordneten

So, das alles reicht, dass wir heftig in die Tasten tippen und unseren Abgeordneten schreiben. Das Kernteam von beyond content hat jeweils andere Abgeordnete, die sich um unser Anliegen kümmern. Und die bekamen in den letzten zwei Wochen von uns digitale Post. Jörn wandte sich an Dr. Konrad Körner (CSU), der seit März 2025 das Direktmandat im Wahlkreis Erlangen innehat – direkt gewählt mit 35,9 Prozent der Erststimmen. Die beiden Patricks und Michi haben ebenfalls ihre Abgeordneten kontaktiert. Wir warten noch auf finale Antworten und werden die Reaktionen – oder das Schweigen – in einem Follow-Up-Artikel dokumentieren. 5

Wenn auch du deiner/ deinem Abgeordneten schreiben möchtest, gibt’s hier ein Formular, an dem du dich orientieren kannst:

Betreff: Fragen zum geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG)*


Sehr geehrte/r Frau/Herr [……],

ich wende mich als Bürgerin/Bürger aus Ort/Wahlkreis [……] an Sie, weil mich das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) direkt betrifft und ich einige Fragen habe, die ich bislang in der öffentlichen Debatte nicht beantwortet sehe.

Die sogenannte „Bio-Treppe” sieht vor, dass Gasheizkunden ab 2029 steigende Anteile an Biomethan nutzen müssen. Gleichzeitig steigen CO₂-Preise und Gasnetzentgelte – letztere, weil immer weniger Haushalte das Netz nutzen, aber die Fixkosten gleich bleiben. Das kann für Mieter:innen in schlecht gedämmten Altbauten zur echten Kostenfalle werden.

Meine konkreten Fragen an Sie:

  • Wie sollen Mieter:innen vor unkontrolliert steigenden Nebenkosten durch die Bio-Treppe geschützt werden?
  • Welche konkreten Regelungen sind geplant, um den Anstieg der Gasnetzentgelte sozial abzufedern?
  • Warum enthält das Eckpunktepapier noch keine verbindlichen Schutzmechanismen für einkommensschwache Haushalte?

Ich bitte um eine persönliche Stellungnahme und freue mich über eine Antwort.

Mit freundlichen Grüßen,

[……]

Quellenverzeichnis

Energiewende Politik

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