Vom Tesla-Dilemma zur rollenden Autobiografie: Martin Oetting tätowiert sein Auto und macht daraus Kunst, Wut und Widerstand.
Martin Oetting hat sein Auto tätowiert – schreibt electrive. Was da nicht steht: Das war ein ganz schön wildes Unterfangen. Irgendwann im letzten Jahr ging’s los. Martin hat mit uns die Idee geteilt, irgendetwas aus seinem „Tesla-Dilemma“ zu machen. Das Herunterschmeißen von einem Kran klang anfänglich wie das adäquate Ende einer erloschenen Liebe zum amerikanischen Autobauer – aber schon nach unserem ersten Gespräch war klar: Zerstören ist Mist. Also wurde weiter gegrübelt. Wir verstehen ja inzwischen den „Oetting-Rant" – meist geht’s um die Wirtschaft. In Martins Videos bekommen es dann Wachstumsgläubige, Wirtschaftsliberale und die AfD ab. Diesmal stand seine Kutsche im Zentrum der Aufmerksamkeit, ein Automobil, das dank Tesla-Emblem für einen durchgeknallten Tech-Milliardär steht. Martins nächste Idee: das Auto auseinanderbauen, die Teile als Rohstoffe für etwas Neues versteigern. Klingt gut – war aber unpraktikabel. Und irgendwie auch unsexy. Also: weiter grübeln. Wir sagten Martin: Meld dich, wenn dir eine gute Idee kommt – wir sind dabei. Es sollte eine Weile dauern. Martin ließ uns zwischendrin wissen, dass er noch dran ist, noch nicht aufgegeben hat. Irgendwann kam die Erleuchtung: Warum nicht einen befreundeten Illustrator fragen, das Auto zu bemalen? Der Freund sagte ab. Aber die Idee stand nun im Raum. Und dann dämmerte es Martin: Na dann muss ich’s wohl selbst machen. Er malt ja sowieso auf seinem Kanal – warum also nicht auch sein Auto? Mit Skizzen, auf Fotos vom Tesla montiert, pitchte er uns das Mock-Up. Wir konnten es uns vorstellen.
Warum nicht all diese Enttäuschung und Wut in eine spannende Reise bündeln, an deren Ende Völkerverständigung zwischen Berlin und Germersberg steht und auf unseren SD-Karten über 3 TB kreatives Chaos lagern. Also, Martin, wie wär’s?

Der Künstler bei der Arbeit
Das Video „ AUTO | BIOGRAFIE“ – oder „AUTO | BIOGRAPHY“ auf Englisch, für die internationale Crowd – ist letzte Woche erschienen. Es ist eine Reise der Selbsterforschung. Es fühlt sich an wie ein intimes Gespräch an einem Ort, wo Martin seine Lebensgeschichte auf seinem weißen Model 3 verewigt. Geprägt in und von Braunschweig, im Schatten des VW-Werks, wo sein Vater Jahrzehnte an Motoren und Getrieben bastelte. Der kleine Martin zeichnet schon mit zwei Jahren Maschinen, Autos, alles, was brummt und rast. Familie, Motorsport-Ikonen wie Walter Röhrl, der erste eigene Wagen: ein Trabant nach der Wende, finanziert durch Nebenjobs. Dann BWL-Studium (Was war da los, Martin?), viele Jahre Werbung, in denen er Konzernen hilft, Wachstum zu pushen. Und dann hört er im Radio von der Klimakrise. Plötzlich sind Autos nicht mehr Helden, sondern Umweltsünder.
Enter Tesla: Zuerst unerschwinglich, dann – dank Dieselgate – der perfekte Mittelfinger an VW. Schock #1: 2016 steht das Leben Kopf, sagt er – AfD-Aufstieg, Brexit, Trump. Er kündigt, fährt immer noch Tesla, und ein paar Jahre später Schock #2: Elon Musk unterstützt Trump, die AfD, „höchst gefährliche Politiker“. Sein Auto wird zum Symbol für Faschismus und Ego-Milliardäre. Schockwellen des Wahnsinns – und wir spüren, wie das bei ihm ankommt: dieser Verrat an der Idee von Fortschritt.

Papa Niedermayer (Mitte) hat Spaß
Statt zu resignieren, wird’s jetzt kreativ. Auf dem Niedermayer-Hof, einem Vollerwerbshof in Germersberg – irgendwo im fränkischen Nirgendwo – gibt es eine Garage. Diese können wir nutzen. Die Niedermayer-Family schaut zu und ermöglicht (übrigens, wer Lust auf Premium-Content in Sachen Land- und Forstwirtschaft hat, der klicke mal hier). Niedermayer Junior steht hinter der Kamera. Weil’s Dezember ist, ist es auch arschkalt. Germersberg hat übrigens so viele Einwohner wie eine durchschnittliche Berliner Platte – falls Martin einen Kulturschock erleidet, kann er es gut verbergen.
Martin malt. Martin verzweifelt. Martin will hinschmeißen und tut es dann doch nicht. Was so easy aussieht, dauert von Montag bis Samstag. Ein befreundeter Lackierer vom Nachbarhof gibt wertvollen Support. Denn es ist nicht per se vorgesehen, dass ein Auto Objekt komplexer Scribble-Arbeit wird. Martin entfernt die Embleme, zeichnet seine „Auto-Biografie“ drauf: Kindheit, Krisen, Klimainsights, politische Erkenntnisse. Ein zerstörter Planet, Gedankenketten, Quotes über eine Wirtschaft, die Reiche reicher macht und uns in den Abgrund treibt. Musk will zum Mars? Martin kontert: Wir haben keine Milliarden, wir sind Milliarden. Die Zeichnungen sind permanent, versiegelt mit Lack. Irgendwann verkaufen? Vergiss es, Martin. Sein Auto ist jetzt ein rollendes Statement gegen die Verrückten der Gegenwart. Wir hoffen, Martin parkt damit nie in Sachsen-Anhalt.

So rollt Martin zukünftig durch die Gegend
Wir durften dieses Video ermöglichen und mitproduzieren. Heißt jetzt nicht, dass alle Martins der Welt uns die Tür einrennen dürfen. 😉 Und obwohl die Sache mit der AUTO | BIOGRAFIE auch anstrengend war, hatten wir von beyond content, die Niedermayers und alle anderen, die in diese Story gestolpert sind, ordentlich Spaß. Klar, was uns weiterhin bewegt, ist die Botschaft. Archivfotos, Animationen, Martins Stimme – alle mahnen: „Wenn du dich ernst nimmst als Erwachsener … kannst du nicht mehr naiv Autos toll finden.“ Und dass Martin das alles eigenhändig auf sein Auto gezeichnet hat – nicht delegiert, nicht outgesourct – ist vielleicht der ehrlichste Teil der Botschaft.
Am Ende: ein Aufruf zu Solidarität, Innovation, friedlichem Zusammenleben. In einer Welt, in der Milliardäre Raketen bauen und Politiker twittern – sorry, X-en – ist Martins Film ein leiser Akt des Widerstands. Er zeigt, dass Revolte produktiv sein kann, wenn sie in Kunst und Botschaft mündet.
